Aus Sicht eines Ehemaligen Spielers Wolfgang Roth

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Geschichte schreiben

 "Einfach märchenhaft!" so hieß das Motto des Deutz-Akkordeon-Orchesters Köln als Abschiedskonzert für die Orchesterleiterin Frau Eva Donay am 20. November 2005 in der Stadthalle Köln-Mülheim. Die besondere Einladung entnahm ich einem kleinen Artikel am 17. November 2005 in der Kölnischen Rundschau. Nach dem Lesen des Artikels fühlte ich mich als ehemaliges Mitglied persönlich angesprochen. Es war klar, ich mußte zum Konzert, und ich war auch da! In der kleinen Bilderausstellung, im Vorraum der Stadthalle, war ein Gruppenfoto von 1961 ausgestellt, auf dem ich mit abgelichtet bin. Die bildlichen Darstellungen der "alten Zeiten" des Orchesters veranlaßen mich nun, über mein Erlebtes während den "alten Zeiten" zu berichten. In nicht ganz chronologischer Reihenfolge beschreibe ich den Zeitraum von 1960 bis 1965, in dem ich dem Akkordeonorchester angehörte. Ich bin der Firma KHD und besonders meiner Lehrerin und Dirigentin Frau Eva Donay immer noch sehr dankbar für all' das, was sie mir mit auf den Weg gegeben hat. Ich konnte mit ihrer Hilfe das Erlernte in einem Orchester umsetzen. Heute spiele ich zwar nicht mehr regelmäßig, aber dafür immer wieder mal.  

Über meine Mitgliedschaft

Im Jahr 1959 begann ich eine Maschinenschlosserlehre bei der Klöckner-Humboldt- Deutz AG. Ausbildungsort die Lehrwerkstatt in Köln-Kalk, Wiersberger Straße. Unser damaliger Leiter war Herr Antweiler, später Herr Kath. Ich hörte oft, daß nach Feierabend in einem Unterrichtsraum im oberen Stockwerk Akkordeon gespielt wurde. Das war einfach etwas für meine Ohren, zumal ich schon ab Oktober 1955 mit dem Akkordeonspielen begonnen hatte und auch privat Einzelunterricht nahm.  Im Werksunterricht erfuhr ich von meinem Ausbilder Herrn Nußbaum, daß das Orchester dringend Spieler suchte. Nach etwa einjährigem Einzelunterricht bei Frau Donay war es dann so weit, und ich spielte ab 1960 im Orchester mit. Dem Orchester gehörte ich etwa 5 Jahre an und zwar bis zum Beginn meines Grundwehrdienstes im Januar 1966. 1

Wie war das mit den Proben?

Wöchentliche Proben in der Zeit von 18.00Uhr bis 20.30Uhr waren angesagt. Einige Spieler kamen mit dem letzten Werksbus aus Deutz und deshalb ging das mit dem Probenbeginn nicht früher, denn die tägliche Arbeitszeit betrug damals noch bis zu 9 Stunden. Nach den Proben, zum geselligen Ausklang, verabredeten wir uns hin und wieder in der Gaststätte Böhmer, vorne an der Ecke Wiersberger Straße/Kalker Hauptstraße. War ich während meiner Ausbildung in der Lehrwerkstatt stationiert, gehörte es mit zu meinen Aufgaben, sich um das leibliche Wohl am Probenabend zu kümmern. Die Besorgungen erfolgten unter dem Oberbegriff "Stubendienst". Es war üblich, daß ich bis spätestens 16.00Uhr in der Küche Stahlbau, manchmal auch in der Küche Gesenkschmiede belegte Brötchen und Kaffee in Kannen für den Abend abholte.  

Über den Probenablauf

Es gibt nur Gutes zu berichten. Meist war er harmonisch. Bei neuen Stücken übte jeder, oder jede Stimme erst einmal einzeln, und dann wir alle zusammen. In den kleinen Pausen gab es regen Gedankenaustausch zwischen uns Lehrlingen und auch viel zu lachen. Natürlich war jede Probe abhängig von den Anwesenden und ob Mitglieder wegen Nachtschicht oder Urlaub fehlten. Oder, wenn einer mehrfach gar nicht kam, sicherlich nicht zur Freude aller Wartenden; oder einer zu Hause zu wenig geübt hatte, dann mußte man(n/Frau) da schon mal nachhelfen. Das beherrschte Frau Donay exelend. Trotzdem, wir blieben immer eine Gemeinschaft.  

Welche Stücke spielten wir?

Offen gestanden, bedingt durch meinen Schlosserberuf hatte ich Schwierigkeiten mit der Gelenkigkeit meiner Finger. Ich hätte gerne mal nicht nur immer 3. oder 4. Stimme gespielt.

Aber nun zum eigentlichen Thema. Als relativ junges Orchester spielten wir Standartwerke, ich nenne hier nur einige, wie:

 - Ein Abend bei Paul Linke
 - Über den Wellen
 - Schwarzwaldmädel
 - Russisch von Knümann
 - Rumänisch
 - Erinnerungen an Zirkus Renz
 - Ambosspolka
 - Granada
 - Heut geht es an Bord, usw.

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 - Alte Kameraden (in Es-Dur, war nicht einfach)
 - Rheinischer Melodienreigen (Kopie handgeschriebene Noten liegen mir noch vor!)
 - Tango Bolero

Unsere Solisten spielten (kleine Auswahl):  - Kleiner Mohr
 - Loser Falter usw.
 - Rumänisch
 - Tanz-Rhapsodie auf dem Akkordeon
 - Flick Flack
 - Schabernack (Notenkosten im Jahr 1965: 2,00 DM bei Tonger!)
 
- Rag of Rags
 - Ole'Guapa
 

Wie war das mit den Auftritten?

Zusammen mit und vor unseren Eltern und der Ausbildungsleitung waren es zuerst kleine Auftritte. Wir mußten uns doch, so denke ich heute, zunächst einmal an die "große" Bühne gewöhnen. Die Veranstaltungsorte waren eine Gaststätte in Köln-Pfingst und im Ahle Kohberg in Köln-Merheim. In letzterer war es räumlich manchmal unheimlich eng und dazu noch niedrig! Später kamen Weihnachtsfeiern, Jubilarenehrungen usw. hinzu. Episode Gaststätte: Die ersten Auftritte verliefen wegen Nervosität etwas ungelenkig, auch die Solos. Meist nach Programmende „betätigte" sich unsere Frau Donay, mit ihrem ganzen berliner Temperament und Elan, dann als gekonnte Pianistin am Klavier. Sie spielte und sang dazu bekannte Stimmungslieder wie z.B. „Und der Haifisch, der hat Zähne", oder: „Vor der Kaserne, bei dem großen Tor". Frau Donay blühte bei solch einem freien Vortrag so richtig auf und zeigte uns allen ihr gesamtes Können! Das ließ den Abend erst ganz rund werden. Mit Applaus wurde da für sie nicht gespart.  Episode Weihnachtsfeier: Uns Lehrlingen war es entsprechend der Arbeitsplatz- ordnung strikt untersagt u.a. Zigaretten anzunehmen, geschweige die zu rauchen. Im Beisein unseres Ausbildungsleiters Herrn Antweiler spielten wir kurz vor Heilig Abend im Severins Klösterchen. Damals war dort noch alles "fest in der Hand" kirchlicher Schwestern. Als Dankeschön für unseren Auftritt erhielten wir jeder, ob Mann oder Frau, zusätzlich ein fein verpacktes Glasröhrchen, gefüllt mit einer guten, schönen, dicken, runden Zigarre! Die Aufregung bzw. Belehrung durch den Ausbildungsleiter (Nichtraucher), wie wir mit der Zigarre umzugehen hatten, die ließ nicht auf sich warten.3Es war schon echt lustig damals, und es fiel mir nicht leicht dabei noch ernst zu bleiben, sogar heute noch!  Weiter zu den größeren Auftritten: ·        Lossprechungen zur bestandenen Lehre. Zu meiner eigenen Lossprechung, der Übergabe des Gesellenbriefs, spielte ich natürlich selbst mit. Sie fand in der Lehrwerkstatt in Köln-Kalk statt. ·        Jubilarenehrungen im Kasino Vorstand, oder in der Kantine neben dem Hochhaus Deutz. Auch manchmal zusammen mit dem Werkschor. ·        Jubilarenehrungen verbunden mit einer Bootsfahrt auf dem Rhein, z.B. nach Rüdesheim. Wichtig: Auf der Hin- und Rückfahrt war zu spielen. ·        Einladung über ein Wochenende zur Abschlußfeier der Lehrlinge in Oberursei, mit anschließender Werksbesichtigung.  Episode OberurseI: Wir holperten mit dem da schon alten rappeligen Magirus- Werksbus, der normalerweise zwischen Kalk und Deutz verkehrte, mit 60- 80km/h über die Autobahn nach Oberursel. Unsere armen Instrumente! Unser Fahrer Herr Breuer fuhr stets im Dienstanzug und mit Schirmmütze.  Akkordeonwettbewerb Mittelrhein in Bad Honnef. Wir erreichten dort in unserer Klasse gegen wirklich große Konkurrenz einen hervorragenden Platz.  Episode Bad Honnef: Ein Orchester kam wegen plötzlicher Erkrankung des Dirigenten in letzter Minute zum Auftritt. Die Mitglieder spielten, für mich völlig überraschend, ohne ihren Dirigenten und so vom Blatt weg, als wäre ihnen zuvor nichts dazwischengekommen, bzw. als wäre das einfach so selbst-verständlich. Sie machten unter sehr großen Beifall eine Platzierung.  Und das war für mich im Orchester mein Höhepunkt: Ein Auftritt in der Industrie- und Handelskammer in Köln zusammen mit dem Werkschor. Unser Akkordeonorchester wurde dabei dankenswerter Weise von Spielern des 1. Akkordeonorchesters Köln unterstützt. In solch einer großen Gemeinschaft und vor etwa 1000 Gästen zu spielen, das machte Laune und war einfach unbeschreiblich schön.  4

Unterricht, Instrumente, finanzielle Situation im Orchester

Den Einzelunterricht, meist bei Frau Donay, bekamen wir kostenlos. Wir mußten uns aber verpflichteten nach einer gewißen Vorbereitungszeit dann im Orchester mitzuspielen. Anfangs erhielten wir noch einige 72-Bass Hohner-Instrumente hinzu, die nur für das Spielen im Orchester bestimmt waren. Ich spielte lieber auf meiner eigenen Atlantik. Doch bald gab es ernste Gespräche, weil der Unterhalt des Orchesters zu teuer geworden war. Auch die Finanzierung zur Beschaffung von Noten und der Einzelunterricht machte uns mal ernste Probleme. Ergebnis: Keine kostenlosen Instrumente mehr und weniger gesponserte belegte Brötchen zu den Proben. Dennnoch, aufatmen bei uns allen, es ging endlich weiter. Dank an die Ausbildungs- leitung und den Vorstand.  

Episode Ernsthaftigkeit der Kostenumlegung für die Auftritte

Etwa 1963, am Anfang meiner Gesellenzeit, übernahm die Bezahlung für meine Auftritte während der Arbeitszeit noch stillschweigend meine eigene Abteilung. Später erhielt ich für die Abwesenheit bzw. den Stundenausfall eine Zeitlohnkarte, ausgestellt von der Lehrwerkstatt.  

Personelle Situation im Orchester

Es sollte für alle KHD-Lehrlinge, ob gewerblich, angestellt, männlich oder weiblich ein Angebot sein, in dem Akkordeonorchester mitzuspielen. Wir nannten uns deshalb auch "Lehrlings-Akkordeonorchester". Kurzzeitig mal mit bis zu 25 Spielern. Personelle Bewegung gab es regelmäßig dann, wenn die Lehrzeit endete und Spieler z. B. aus Berufsgründen, Bundeswehr, Abendschule usw. ausschieden. Spät- oder Nachtschicht einiger Mitglieder beeinflußten das Vorwärtskommen des Orchesters schon. Manche Probe war dann gerade mal mit 8 bis 10 Spielern besetzt. Wir benannten uns um in "Akkordeonorchester der Klöckner-Humboldt Deutz AG". Damit konnten Externe und andere, auch schon ausgebildete Spieler, und solche, die nicht mehr Lehrling waren im Orchester bleiben oder mitmachen und die Spielerzahl pendelte sich um die 18 Personen ein. Die Besetzung am Bassakkordeon übernahm meist Frau Donay. Einen Schlagzeuger gab es vorübergehend auch. Zur Unterstützung bei größeren spielerischen Auftritten konnten wir uns, wie schon erwähnt, dankenswerter Weise an das 1. Akkordeonorchester Köln wenden. 5

Unsere Dirigenten

Anfänglich dirigierte uns Frau Donay. Erschwerend für sie, gleichzeitig noch Bassakkordeon zu spielen. Etwas später, dirigierte uns Herr Sieghard Porkert. Er hatte seinen Dirigentenabschluß nachgeholt. Aus Berufsgründen gab er auf. Weiter ging es mit Herrn Reginald Bäffgen. Bäffgen entschloß sich irgendwann, sich wieder mehr dem 1. Akkordeonorchester Köln zu widmen. Und nun kam es so, und soweit mir bekannt, ist es auch wohl bis im Jahr 2005 geblieben, daß Frau Eva Donay den Taktstock immer gut, fest und erfolgreich in ihrer Hand hielt.  

Fähige Spieler, beinahe zwei Orchester?

Versuchweise sollte über einen kleinen Zeitraum den besseren Spielern mehr Entfaltungsmöglichkeit eingeräumt werden. D.h. zuerst übte das Quartett oder Sextett und anschließend übten wir alle gemeinsam. Wir, die Übrigen, konnten das nur zum Teil nachvollziehen. Keine Frage, die kleine Gruppe spielte einfach anspruchsvollere Stücke und besser. Nach einer gemeinsamen Aussprache gab es dann glücklicherweise wieder nur das eine Orchester.  

Das Orchester kann einen ganz begeistern

Heute spielt das Orchester mit größeren und damit klanglich wesentlich besseren Instrumenten. Die Vorträge sind sehr viel anspruchsvoller geworden. Von jedem Spieler wird ein größeres Können abverlangt als während meiner Mitgliedschaft. Das ist auch gut so, denn wir alle streben nach immer weiteren Herausforderungen und neigen dabei zur Perfektion. Aber, auch nix mehr für den einfachen Spieler.  Mit der Verabschiedung von Frau Eva Donay ist endgültig ein Generationenwechsel vollzogen. Das in der Vergangenheit von allen Spielern des Orchesters und unter der Leitung von Frau Eva Donay Geleistete ist der solide Grundstock für die Zukunft. Ich wünsche den Mitgliedern des Akkordeonorchesters weiterhin viel Erfolg, auch unter oder mit der neuen Dirigentin.  

Wolfgang Roth

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